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T.O. Immisch, Kurator für Fotografie an der Staatlichen Galerie
Moritzburg in Halle
zu Bildern des Hamburger Künstlers Knut Mueller anlässlich einer
Ausstellungs
er öffnung in der ZEITKUNSTGALERIE in Halle am 25. August 2003:
Armoured Nudes – Gepanzerte Akte:
Was durch die Manipulation der Photos am Rechner und die großformatigen
Ausbelichtungen der Bilder womöglich „zeitgeistig“ daherkommen
mag, steht in Wirklichkeit in einer langen, überaus wandlungs fähigen
Tradition – 3 Beispiele
dazu aus ihrem Zusammenhang gerissen, aus verschiedenen Zeiten und gesellschaftlichen
Funktionsfeldern: Manieristische Kunst, sich als revolutionär
verstehende Tiefenpsychologie und Memoiren einer Bordellbetreiberin:
Erstens „Ensem, hastam, et galeam mihi tradidit arma vetustas: Nunc
conculco malum cum Vitiis Satyrum“
(Mein Schwert, Lanze und Helm sind überlieferte Waffen von alters
her: Nun zertrete
ich das Übel der Begierde nach Kräften) lesen wir (etwas frei
übersetzt) unter der Darstellung einer gepanzerten Personifikation
der Tugend von 1590, deren Panzer
die wohlgerundeten Formen ihres Leibes aufnimmt, ihn so bedeckt wie ausstellt.
Zweitens „Jede Charakterformation erfüllt, ... zweierlei Funktionen:
ersten die Panzerung des Ichs gegen die Außenwelt und die eigenen
Triebansprüche,
zweitens die Aufzehrung der durch die Sexualstauung erzeugten Überschüsse
an sexueller Energie, also im Grunde die Bindung der ständig neu
produzierten Angst. Und: „Sobald die Ausdrucksbewegung der Hingabe
auf Panzerblocks stößt, so
daß sie nicht frei ablaufen kann, verwandelt sie sich in destruktive
Wut“ schreibt Wilhelm Reich in seinem Buch „Charakteranalyse“
1933 bzw. 1944.
Drittens: „Nein, ich wollte nicht heiraten. Ich war nicht verliebt.
Ich wusste nicht, ob
ich es je sein würde. Ich war, trotz meiner jungen Jahre nüchtern,
realistisch, stolz, durchtrieben, und es kam mir so vor, als trüge
ich einen Panzer wie König Artus,
eine Rüstung, wie man sie in Museen sieht. Hemd und Beinkleid alles
aus Eisen. Meine bestand daraus, dass ich stolz auf mich war und mein
wirkliches Ich nicht sehen ließ. Ich wußte natürlich
nicht, wie dieses wirkliche Ich war, aber ich schützte
es trotzdem.“ erzählt Nell Kimbell in ihrem „Memoiren
aus dem Bordell“ geschrieben in den 30er Jahren, erschienen in den
70ern.
Klassische Kunst, ideologische Wissenschaft und Reflexion des eigenen
Lebens liefern die Zitate – eine Art Folie, ein anderer Hintergrund
für Müllers Bilder, als
deren Oberfläche vermuten ließe.
Frauen stellen sich aus, ganz bewusst, setzen sich den Blicken der Betrachter
aus, sind aber keinem konventionellen Gebrauch unterworfen, keinem funktionalen
Zusammenhang wie in Werbung, Mode, Pornographie. (Mit Konventionen dieser
Bilderwelten und Verführungsstrategien spielt der Photograph
ganz offensichtlich, ohne sie zu bedienen.)
Wichtig bei seiner Intervention sind Elemente der Störung, Bildstörung
– wie beim
nicht dekodierten pay-tv oder einem kaputten Videorecorder. Zerstörung
der Bildoberfläche auch als Kratzer und Einschussloch, Zahlen und
Zeichen davor, dahinter, darüber.
Müller lässt das voyeuristische Verlangen weniger in’s
Leere laufen als vielmehr gegen die Bildoberfläche stoßen.
Eine Grundhaltung, die er durch die Bilder ver-
mittelt, ist die der Verweigerung: Gerade indem die Frauen sich so
bewusst und provokant ausstellen, verweigern sie das brave sich Fügen
in’s Gefällige, Verfüg-
barkeit überhaupt. Müller spielt mit den Momenten des Verbergens,
Verdeckens
und des Entbergens, Aufdeckens und akzentuiert so die Bilder, lenkt und
irritiert zugleich den Blick.
Ein weiteres Mittel der Verfremdung sind die Fehlfarben, die Farbmanipulationen:
Kalte, kühle bzw. schrille und schräge Farben machen schlagend
klar und deutlich, dass es sich um Bilder als Interpretationen handelt,
dass ein bestimmtes Verhältnis des Bildautors zu dem, was er zeigt,
der Gegenstand dieser Bilder ist, eingegangen
ist in sie. (Das ist freilich bei Bildern mehr oder minder immer
so, nur nicht immer dermaßen gut sichtbar, den Bildern absehbar
wie hier.)
Sprechend sind Müllers Bildtexte mit ALICE: Alice ist looking for
love (Alice sucht
nach Liebe, mit der Knarre in der Hand) und Alice and Ronald become friends
(Alice und Ronald werden Freunde, sie mit der Knarre an seinem Kopf).
Ob nun die Assoziation zu „Alice im Wunderland“ beabsichtigt
war oder nicht, gewusst, bewusst
ist sie gewiss: Lewis Caroll als klassischer Fall eines sexuall Gehemmten,
der das durch seine Freundschaften mit kleinen Mädchen kompensiert,
gar sublimiert? – jedenfalls nur mit kleinen Mädchen Beziehungen
aufbauen, aushalten, durchhalten kann).
Müllers Alice als böses großes Mädchen verbindet
das Wunderland-Märchenhafte
mit Militanz, trägt Pistole und Guerrilla- bzw. Antiguerilla-Barett,
das auch auf
anderen Bildern auftaucht: Müllers Frauen behaupten sich.
Momente von Aggression stecken auch subtiler in den Bildern der Frauen
– das lässige Herzeigen des Geschlechts, ihres unteren Lippenpaars
springt den
Betrachter an, greift ihn womöglich an.
Und – einige Frauen greifen sich an, berühren sich: an der
Hüfte, am Schenkel, auf dem Bauch, Aggression nicht als Angriff,
sondern ganz simpel als angreifen, anfas-
sen – das hat ja etwas lebensnotwendiges, positives: Wenn wir nichts
angreifen,
wird Welt nicht, wenn wir uns nicht ergreifen, kennen und erfahren wir
uns schlecht.
Die Posen seiner Modelle benennt und empfindet Müller als maskulin,
männlich: breitbeinig, Hände in den Hüften, lässig
oder lauernd hingestreckt, Kippe in der
Hand, der Blick geradeaus.
Diese – inszenierte – Verbindung weiblicher Körper und
als ausgesprochen männ-
lich geltender Posen ergibt konventionalisierte Bilder starker Frauen,
die manchen ängstigen.
(Inwieweit das männliche Projektionen sind und inwieweit Frauen sich
ganz be-
wusst dieses Projektionstheaters bedienen, ist eine andere Frage.)
Müllers Frage, (besser Behauptung) ist die nach dem Zusammenhang
von Geschlechterdifferenz, Rollenverlust, Kommunikationsbarrieren
und Gewalt.
Es ist bezeichnend, das diese politische Dimension von Körperdarstellung
(die ja
fast nur noch im Reservat der Gender-Debatte diskutiert wird), dass die
politische Dimension des Körpers, der hier mit Nacktheit, Pose &
Blick bekleidet ist, von
einem Photographen ausgespielt und ausgestellt wird, dessen Hauptgeschäft
Kriegsphotographie ist; der Täter und Opfer (manchmal dieselben
Personen),
Gewalt und ihre Wirkungen festhält, in Bilder bannt, immer in der
Hoffnung, dass
sie uns erreichen möchten – medial und menschlich.
Dass die Konflikte im Feld zwischen Körper und Kommunikation, Geschlecht
und Gesellschaft, Sex und Seele kaum bearbeitet, geschweige denn gelöst
sind (Müller hält sie für unlösbar), darauf mit dem
photographischen Finger zu zeigen, ist sein Verdienst. Ganz gegen den
Strich einer konsumgeilen, verschwendungssüchtigen, angeblichen Konsensgesellschaft
auch: ein Schrei nach Liebe.
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